Leipzig, 23. Oktober 1989. Es ist der Tag der größten Montagsdemonstration in der damaligen DDR. Ausgangspunkt ist, wie an jedem Montag, die Nikolaikirche. Menschen singen, beten und halten inne. Hunderte entzünden im Schutz der Kirche Kerzen und geben das Licht an dreihunderttausend Menschen weiter, die sich auf dem Weg durch die Stadt anschließen. Wenige Wochen später triumphiert die gewaltfreie Revolution über die Diktatur. Die Kirchen, nicht nur in Leipzig, sind Schutzräume. Sie öffnen ihre Türen für alle, die sich nach Frieden, Demokratie und Freiheit sehnen und gerade deshalb von den Herrschenden ausgegrenzt und verfolgt werden.
Ein zentraler Gedanke, der bei diesen Demonstrationen zum Ausdruck gebracht wird, stammt aus der Bibel: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde“ (1. Mose 1,27). Das bedeutet konkret: Jeder Mensch ist einzigartig und besitzt eine unverlierbare Würde – unabhängig von seiner Herkunft oder Leistung, unabhängig von Religion oder politischer Überzeugung. Und diese Würde verdienen wir uns nicht selbst, sondern sie ist uns geschenkt.
Dieses Verständnis prägt damals die Montagsgebete und Demonstrationen. Selbst den Mächtigen, die drohen und unterdrücken, begegnen die Demonstrierenden ohne Hass. Unter dem Ruf „keine Gewalt“ ziehen die Menschen durch die Straßen. Sie verbindet untereinander die Überzeugung, dass Freiheit ohne Respekt vor der Würde des anderen keine echte Freiheit ist.
Heute erleben wir, dass der Begriff „Montagsdemonstration“ von Gruppen vereinnahmt wird, die genau das Gegenteil wollen. Da wird im Namen der Freiheit Angst geschürt, um Menschen gegeneinander aufzubringen und unsere Gesellschaft zu spalten. Gerade die AfD spricht immer wieder von Freiheit. Aber was ist das für eine Freiheit, wenn andere ausgegrenzt und herabgewürdigt werden? Was ist das für eine Freiheit, wenn Feindbilder gepflegt werden? Das hat mit dem Geist von Leipzig nichts zu tun.
Denn die Montagsdemonstrationen von damals waren kein Protest gegen Menschen, sondern ein Protest für Menschen. Damals ging es darum, Freiheit für alle Menschen zu ermöglichen und nicht um Ausgrenzung. Es ging darum Brücken zu bauen und nicht neue Gräben aufzureißen.
Die Kerzen von damals leuchten heute weiter, wo Menschen sich entschieden gegen jede Form von Hass und Spaltung stellen und sich für eine Gesellschaft einsetzen, in der Freiheit und der Respekt vor der Würde des anderen untrennbar zusammengehören.
Autor: Pfr. Horst Sauer in der Evangelisch-Lutherischen gebärdensprachlichen Kirchengemeinde in Bayern und erteilt Religionsunterricht am Berufsschulzentrum in Ochsenfurt

