„Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ So schreibt es der Apostel Paulus in seinem zweiten Brief an die kleine christliche Gruppe in Korinth (2. Korinther 12,9).
Paulus traute sich zeitweise nicht mehr viel zu. Und auch die christliche Bewegung war winzig, von allen Seiten bedroht und in sich wenig gefestigt. Viele spotteten über sie. Und die ersten Anhänger des Jesus aus Nazareth hatten schon ihr Leben lassen müssen.
Paulus aber bemerkt: In der Schwäche kann sich eine erstaunliche Vitalität entwickeln. Die Schwachen entdecken Nischen. Sie stellen fest, dass sie Beharrungsvermögen entwickeln. Sie entdecken aus der Not heraus neue Horizonte, die sie früher nicht wahrgenommen haben. Und sie fühlen sich in der Bedrängnis Gott näher als vorher, als sie sicherer gelebt haben. Sie beginnen, ihre neue Wirklichkeit positiv zu füllen.
Wir haben das in den letzten Jahren in Europa feststellen können. Der Kontinent war immer kleiner und schwächer geredet worden. Als aber klar wurde, dass die vermeintlich großen Mächte ihn abgeschrieben hatten, zeigte sich viel innere Stärke in der äußeren Schwäche. Europa hat die Ukraine nicht fallenlassen, auch als die USA, ohne die man meinte, machtlos zu sein, sie im Stich gelassen haben. Die Handelsbeziehungen schienen für immer auf die USA und China ausgerichtet zu sein. Als das eine Sackgasse wurde, hat die EU erstaunlich rasche Hinwendungen zu bisher vernachlässigten Weltregionen hinbekommen. Eine feindliche Übernahme Grönlands hat man mit einem vorher nicht für möglich gehaltenen Mut abgewehrt.
Das Ende ist nirgend absehbar, aber in der europäischen Politik haben die in der Weltpolitik Schwachen neue Horizonte aufgetan und danach gehandelt. Genau das, was Paulus für sich und die winzigen christlichen Gemeinden beobachtet hat.
Wir werden das auch in unserem Leben entdecken. Wenn bisherige Sicherheiten zusammenbrechen, fühlt sich das zuerst furchtbar an. Wir meinen zu versinken. Dann aber kann sich der Überlebenswillen Raum schaffen. Gläubige Menschen sehen darin den Finger Gottes, der sie leitet. Der ihnen neue Horizonte weist. Der sie in ihrer Schwachheit erkennen lässt, in welche Richtung sie sich bewegen können. Der sie dabei unterstützt, sich mit sich und dem, was passiert ist, zu versöhnen und das Leben in neue Bahnen zu leiten.
evangl. Pfarrer i.R. Jürgen Reichel

