Halloween, Reformation, Allerheiligen, Allerseelen – jeder feiert in diesen Tagen, was ihm eher entspricht. Doch so verschieden die am Wochenende zusammenfallenden Feste auch scheinen, sie gehören irgendwie zusammen oder haben zumindest denselben Ursprung. Doch wer denkt heute bei Halloween an alle Heiligen, und wer versteht noch den Zorn Martin Luthers gegen die gottlosen Geschäfte, die mit den Reliquien gemacht wurden, weswegen er am Vorabend des Allerheiligenfestes ausgerechnet an der Tür der Wittenberger Kirche seine reformatorischen Thesen anschlug, wo der Kurfürst von Brandenburg eine riesige Reliquiensammlung zur Ablassgewinnung unterhielt. Und schließlich rutscht der Allerheiligentag in den Hintergrund, weil er vom Friedhofsgang überlagert wird. Aber ist der Unterschied von Allerheiligen zu Allerseelen wirklich so gravierend?
An beiden Tagen werden verstorbener Menschen gedacht, die einen mehr, die anderen weniger heilig. So vermutet man. Doch wer kennt das Gericht Gottes? Sind nicht alle Getauften heilig, wie Paulus sagt, weil sie Christus in der Taufe gleich geworden sind? Wer kennt die verborgenen Tugenden, die versteckten Taten der Liebe, von der Petrus sagt: „Die Liebe deckt viele Sünden zu.“ Und wer weiß um die Umkehr beim letzten Atemzug, der sogar dem einen Schächer am Kreuz das Paradies öffnete. Freilich hat die Kirche exemplarische Menschen als Vorbilder des Glaubens bestätigt und sieht in den Heiligen besondere Fürbitter, weil sie ganz besonders das Ähnlichsein mit Christus in ihrem Leben erarbeitet haben. Ein griechischer Heiliger jüngster Generation, der Athosmönch Paisios, bat seine Freunde voller Demut, ihn niemals als Heiligen anzusehen, damit sie nicht aufhören, für ihn als Sünder das Erbarmen Gottes zu erbitten.
Die Grenzen sind schwimmend, weil niemand dem Gericht Gottes vorgreifen kann. Und dann ist es auch gar nicht so verkehrt, am Allerheiligenfest aller Verstorbenen zu gedenken, die alle gemeinsam auf die Wiederkunft Christi und das Weltgericht warten und in das himmlische Königreich einziehen werden, auch diejenigen, die des besonderen Erbarmens und Vergebens des alle liebenden und erbarmenden Gottes bedürfen. Dass das Gebet für die Verstorbenen möglicherweise nutzlos sei, ist ein Irrtum. Denn Gott erhört jedes Gebet und zählt es als eine Tat der Liebe, die Verstorbenen nicht zu vergessen, etwas, was schon in der vorchristlichen Antike hochgeschätzt war.
Griechisch-orthodoxer Erzpriester Martinos Petzolt

