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Wie wollen wir zusammenleben?

Wort zum Wochenende
Das Schofar ist in diesem Jahr daher ein Weckruf für uns alle, so Dr. Josef Schuster.

Abraham ist bereit, seinen Sohn Isaak zu opfern, wird schlussendlich jedoch von G‘tt daran gehindert. Statt Isaaks wird ein Widder geopfert, der sich mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen hat. G‘tt hat Abraham auf die Probe gestellt. Und Abraham hat seine G‘ttesfurcht sowie sein Vertrauen in G‘tt bewiesen. Er hat Verantwortung übernommen.

In diesen Tagen, am Abend des 11. September, beginnt für Jüdinnen und Juden das neue Jahr: Sie feiern Rosch Haschana und damit das Jahr 5787. Der jüdische Kalender zählt die Jahre seit der Erschaffung der Welt. Jüdinnen und Juden erinnern sich an Rosch Haschana an diese biblische Geschichte und blasen in das Horn eines Widders, das sogenannte Schofar.

Der Klang des Schofars ist ein Weckruf. Er fordert Jüdinnen und Juden auf innezuhalten und das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen: Habe ich mich meinen Werten entsprechend verhalten? Welche Wege möchte ich weitergehen – und welche verlassen? Es ist eine Zeit der Sühne und Hinwendung zu G‘tt, die am Feiertag Jom Kippur in der Versöhnung mit uns selbst und anderen gipfelt.

Das Jahr hat Jüdinnen und Juden herausgefordert. Es hat gezeigt: Antisemitismus hat sich stärker in der Mitte der Gesellschaft eingenistet. Hausverbote für Juden in Hotels, Geschäften und Restaurants oder ein Konzert, bei dem der israelischen Armee öffentlich der Tod gewünscht wird, lösen in der Öffentlichkeit kaum mehr einen Aufschrei aus.

Spätestens die Ergebnisse des vergangenen Wochenendes müssen unsere Gesellschaft aufhorchen lassen: In Sachsen-Anhalt hat die AfD, eine dort als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei, bei der Landtagswahl fast 44 % erhalten. Als Landesregierung könnte die AfD Lehrpläne, politische Bildung oder Kulturförderung erheblich prägen. Sie könnte Fördermittel etwa dort reduzieren, wo an die Schoa erinnert und über die NS-Verbrechen aufgeklärt wird.

Das Schofar ist in diesem Jahr daher ein Weckruf für uns alle: Die Wahl in Sachsen-Anhalt muss uns als gesamte Gesellschaft aufrütteln und uns dazu anregen, umso stärker für unsere demokratischen Werte einzustehen.

Wir müssen uns fragen: Wie wollen wir in den kommenden Jahren zusammenleben? An Rosch Haschana richtet sich der Blick auch nach vorn – verbunden mit der Zuversicht, dass Veränderung möglich ist.

Es liegt an uns allen als Gesellschaft, Verantwortung zu übernehmen, immer wieder neu zu entscheiden, wie dieses Zusammenleben aussehen und von welchen Werten es getragen sein soll. Möge das neue Jahr ein friedliches werden.

Autor: Dr. Josef Schuster, Zentralrat der Juden

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